Die Macht der Familie: Wirtschaftsdynastien in der Weltgeschichte


 
Familien an der Macht
• • • •   (bewertet mit 4 von 5 Punkten)

Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Die Macht der Familie: Wirtschaftsdynastien in der Weltgeschichte (Gebundene Ausgabe) Was haben Physik, Mathematik und Geschichte gemein? Richtig - sie haben einen gewissen Ruf, langweilig und trocken zu sein. Und was haben Menschen wie Anton Zeilinger, Rudolf Taschner und David Landes gemein? Sie zeigen mit ihren Büchern, dass dieser Ruf nicht berechtigt ist. Sobald man das erzählt, was uns Menschen eben so interessiert, die richtige Auswahl trifft, den richtigen Ton findet, dann werden auch diese Themen leicht verdaulich, schmackhaft, es kommt sogar soweit, dass man immer mehr davon will. Und so geht es mir mit diesem Buch.

Der Autor ist aufgebrochen, um die Geschichte des Aufblühens, des Gedeihens und fallweise auch des Verschwindens von 11 Wirtschaftsimperien zu beschreiben, die von Familien gelenkt werden oder wurden. Es geht ihm um Darstellung dessen, was aus solchen Familien Wirtschaftsdynastien werden lässt, welche Gemeinsamkeiten für Erfolg, für Bestand und welche für Scheitern maßgebend sind oder sein könnten. Besonders interessiert ihn die Frage, ob Familienunternehmen heute noch zeitgemäß sind, welche Aufgaben sie auch heute noch erfüllen können. Er will die Eigenheiten familiengeführter Unternehmen herausarbeiten im Gegensatz zu solchen, die von beteiligten oder angestellten Managern geführt werden. Und er will das alles vor dem Hintergrund tun, vor dem diese Familien genauso wie weniger erfolgreiche stehen - Sorgen um die Existenz, Freud und Leid mit der Nachkommenschaft, Glück und Unglück bei allen möglichen und unmöglichen Vorhaben, Menschliches und allzu Menschliches allerorten. Eben vor dem Hintergrund dessen, was uns Menschen bewegt, gleichgültig, ob wir viele Millionen haben oder keine.

Das gelingt ihm so gut, dass es mir wirklich schwer gefallen ist, dieses dicke Buch vor Erreichen der letzten Seite wegzulegen. Bewusst pflegt er einen Stil, der eher fürs Feuilleton, streckenweise vielleicht sogar für Illustrierte geeignet ist. Und er bewahrt genau dadurch sein Werk vor dem Schicksal so vieler wissenschaftlich vielleicht brillant ausgearbeiteter, aber kommunikativ bedauerlich unterentwickelter Arbeiten, die genau aus letzterem Grund auf den Brettern irgendwelcher Universitätsbibliotheken Staubschichten akkumulieren, anstatt lustvoll gelesen zu werden. Dem hervorragenden Übersetzer, Karl Heinz Siber, gebührt hier die Anerkennung, diese Sprache auch ins Deutsche herübergerettet zu haben.

Die 11 Kapitel bieten nicht alle die gleiche Qualität und den gleichen Detaillierungsgrad und die späteren nehmen auch an Brillanz merklich ab. Vielleicht lief das Buch Gefahr, noch voluminöser zu werden. Vielleicht entziehen sich manche Familien aber auch ganz einfach den Blicken der Öffentlichkeit mehr als andere. Quellen über Familien wie die Toyoda (die dort drin sind, wo Toyota drauf steht) sind - noch dazu für Westler - möglicherweise schwerer zu finden als über andere. Trotzdem gibt es sie. Jene über die Rothschilds wiederum sind erst seit nicht allzu langer Zeit einer wissenschaftlich interessierten Öffentlichkeit zugänglich und bedürfen wohl noch intensiven Studiums. Bei den Barings scheint es deutlich leichter zu sein, an Relevantes heranzukommen. Aber so ist das eben: Landes erhebt nicht nur keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit (das wäre bei dem Thema wohl auch vermessen), er zeigt einfach exemplarisch und auf Basis von immerhin 27 Seiten Quellenangaben, ergänzt durch 22 Seiten Anmerkungen mit vielen weiteren Literaturhinweisen, was er zum Thema sagen will. Und das ist interessant, fesselnd und - bravo! - sogar unterhaltend. Wer bietet mehr?

Für mich war tatsächlich noch mehr drin: Zwar versucht der Autor immer wieder und weitgehend schlüssig, aus seinen Beobachtungen Regeln für Erfolg und Misserfolg von Wirtschaftsdynastien herauszufiltern (ich hüte mich, sie auch nur anzudeuten - lassen Sie sich von ihm selbst dazu hinführen!). Auch Einflüsse religiös-weltanschaulich bedingter Unterschiede diskutiert er ausführlich. Die Perspektive kulturbedingter Einflüsse (immerhin geht es um Dynastien aus Nordamerika, Europa und Asien) bleibt dagegen eher unbeackert; wie es etwa die Toyoda nach wie vor schaffen, ihr Riesenunternehmen in der eigenen Hand zu behalten, hätte entschieden mehr Aufmerksamkeit verdient. Völlig unbeachtet schließlich bleiben aber jene Generationen übergreifenden systemischen Zusammenhänge, die für Verständnis und Lösung typischer Konflikte in diesen Unternehmen schlicht unverzichtbar sind. Fehlende Anerkennung wichtiger Leistungen etwa, unbeglichene Rechnungen im Geben und Nehmen, wegen Unbotmäßigkeit ausgeschlossene Mitglieder der Familie wie des engeren Führungskreises, verborgene Loyalitäten wider Willen und was es in diesem Rahmen noch an systemischen Holperstellen samt Folgen immer wieder gegeben haben mag und gibt. Dieses Buch ist auch als bloße Sammlung von Verhaltensmustern, die auf solche systemischen Zusammenhänge zurückgehen, eine wahre Fundgrube an Fallbeispielen für systemische Unternehmensberater und Coaches. So umfassendes, gut dokumentiertes Material über Beobachtungszeiträume bis zu mehreren Jahrhunderten wird sonst wohl kaum in einem Stück verfügbar sein. Und gerade diese Perspektive könnte noch eine Menge zusätzlicher Einsichten liefern - sie müsste nur genützt werden.

Wie auch immer. Für alle, die auch nur an einem der Themen Wirtschaft, Zeitgeschichte, Dynastien, an praktischer Unternehmensführung, langfristiger Unternehmensstrategie, Change Management, gelebter Unternehmenskultur oder eben auch an angewandter Systemik in dynastisch geführten Familienunternehmen interessiert sind, ist dieses Buch ein Leckerbissen. Und wenn Sie das alles nicht lockt - wo gibts sonst noch 11 gut gestylte, flott erzählte, wahre Familiensagas in einem Buch?
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 16. Juli 2008
Kundenrezensionen:
3. Familien an der Macht (die aktuell angezeigte Rezension)
2. Faszinierend, wenn man kein Insider ist
1. Zu hohe Erwartungen an das Buch
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